Alle 6 Monate, wenn ich kurz davor bin, mein Beobachter-Abonnement zu wiederrufen überrascht mich die Redaktion mit einer Ausgabe, die praktisch nur lesenswerte Artikel beinhaltet. So auch bei der Nummer 9 von April 2010. Hauptthema: Der Beginn der Serie “Der bedrohte Mittelstand“.
Das Ende vom Mittelstand?
Ich kann hier nur ein paar der Highlights zitieren, etwa was die deutsche Publizistin Ulrike Herrmann sagt: „Im Kampf um die eigene Karriere entgeht der Mittelschicht, wie unerreichbar die Eliten sind, die ihren Status nicht etwa durch Arbeit erwerben, sondern von Generation zu Generation vererben“. Klarer kann man die derzeitige Situation des Mittelstandes wohl nicht ausdrücken. Wir sind so sehr mit Arbeit, Familie, Finanzen, Studium, Weiterbildung etc. beschäftigt, um “es” zu schaffen, dass wir nicht realisieren, dass “es” so unwahrscheinlich ist, wie einen Lotto-Sechser zu haben (wenn nicht noch unwahrscheinlicher)! Die Mittelschicht unter ständigem Leistungs- und Karrieredruck zu halten bei seiner gleichzeitigen Ausdünnung durch Reallohnsenkungen und Kostensteigerungen (vor allem der Mieten und Fixkosten wie Krankenkassen) kommt den erwähnten Eliten vermutlich gerade recht. Etwas überspitzt gesagt würde der Verlust einer stabilen Mittelschicht in eine Art Feudalität zurückführen, wo eine mehr oder minder willfährige Unterschicht den Adeligen (heute sind das die Reichen) die Stiefel putzt.
Die psychologische Verdrängung dieser einfachen und statistisch gesicherten Tatsachen (Praktisch niemand kann sich reich arbeiten, wenn er Angestellter ist, sei er auch noch so fleissig) ist verständlich, würde das Fehlen dieses Mechanismus doch erhebliches Unwohlsein und gesellschaftliche Umwälzungen zur Folge haben.
In der Umfrage sind die Einwanderer die grösste Sorge des Mittelstandes. Verständlich, denn heute sind es nicht mehr Hilfsarbeiter mit wenig oder keiner Bildung, die ins Land strömen, sondern es sind gut ausgebildete Mittelständer (vor allem aus Deutschland, wie man weiss). Da hätte ich auch Angst, wäre da nicht ein kleines Problem: Die Arbeitgeber finden einfach nicht genug gut ausgebildete Schweizer Fachkräfte! Die Betrachtung, warum dies so ist, könnte vermutlich Bücher füllen, meiner Meinung nach und kurz gesagt dürften die mangelnde Offenheit und Unterstützung des gesamten Ausbildungessektors in diesem Lande eine Hauptursache der Problematik sein. Ein Studium in der Schweiz ist nicht schwerer im Inhalt, aber schwerer im Beginn! Da ist es klar, dass viele die Hürden (Maturitätszwang, finanzielle Unterstützung nur mit grossem bürokratischem Aufwand, hohe Semestergebühren) gar nicht erst in Angriff nehmen wollen.
Weiter interessant ist in der Umfrage die Tatsache, dass offenbar die grosse Mehrheit des Mittelstandes grössten Wert auf Statussymbole wie Auto, Heimelektronik u.ä. legt (sagt mir jetzt bitte nicht, dass Ihr Euren Audi A6 nur braucht, um „von A nach B zu kommen“, dass kauft Euch eh keiner ab
Währenddessen aber würden viele offenbar auf ein weiteres Kind oder dessen Nachhilfestunden verzichten, wenn ein finanzieller Engpass drohte. Dies untermauert wieder obige Theorie, dass einfach zu wenig Wert auf Schule und Ausbildung gelegt wird, eben auch seitens des Mittelstandes selbst. Schade, aber offenbar ist dem Mittelstand die “Abgrenzung gegen Unten” sehr wichtig, vielleicht wurde das aber auch so hinein interpretiert durch die Redaktion, weil es gut klingt?
Rauchverbot und Gesundheitswahn
Auf jeden Fall ist die ganze Ausgabe sehr lesenswert, auch der Interview-Artikel „Krankheiten sind nicht an sich etwas Schlechtes“ mit Martin Hafen ist (fast schon beängstigend) klar auf den Punkt gebracht. In diesem Zusammenhang (Gesundheits-Faschismus) habe ich durch den im Artikel ganz kurz zitierten Dr. Manfred Lütz („Weil die Menschen nicht mehr an ein ewiges Leben glauben, wollen sie nicht mehr sterben.“) ein Manuskript seiner Sendung auf SWR2 gefunden, dass ebenfalls sehr witzig und lesenswert ist.
Quellen: [1] http://www.beobachter.ch/dossiers/familienmonitor/artikel/serie-teil-1_der-bedrohte-mittelstand/[2] http://www.kultur-punkt.ch/gesundheit/swr2-luetz-wellnesswahn05-2.htm

Man irrt wenn man denkt man könne sich auf den Lorbeeren der früheren Generationen ausruhen…