Linux-Distributions Test Nr. 7: *** Mandriva 2009.1 *** 4

Posted by Chris on Juni 12, 2009

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Obwohl gerade erst der Fedora 11-Löwe in die freie Wildbahn entlassen wurde, dachte ich mir, „den sollen andere testen“. Da Fedora sowieso auf den meisten meiner Maschinen läuft, wäre ich ohnehin befangen.

Dem einsteigerfreundlichen PCLinuxOS die Basis bietend steht Mandriva schon seit über einem Jahr auf meiner Wunschliste zum Testen.

Zurzeit (nicht zuletzt dank dem neuen Release) auf Platz 6 von Distrowatch finden wir Mandriva, welches noch bis ca. 2005 Mandrake hiess. Mehr zur Herkunft, Geschichte und viele Details zu dieser großen Distribution sind in Wikipedia zu finden. So kann ich mich gut auf die Details konzentrieren, welche Mandriva von anderen Distributionen abhebt. Und das sind schließlich immer noch genug.

Herkunft / Ursprung

Gem. Wikipedia und der Linux-Distributions-Geschichtstafel wurde Mandriva (dass vor einem Namenskonflikt eben noch Mandrake hiess) von Redhat abgeleitet (genauer: 1998 von Gaël Duval). Diese Herkunft ist ja bereits ein gutes Zeichen.

Wichtigste Daten in Kürze:

  • Homepage: http://www.mandriva.com
  • Businessmodell: Verkauf von div. Server- und Desktopversionen, auch USB-Sticks
  • Ungefähre Grösse der Vollversion als ISO-Image: 690 MB
  • LiveCD Funktion: Ja
  • Sprachen: Div. Übersetzungen
  • Abgeleitet von: RedHat
  • Kernel: 2.6.29
  • Package-Management: rpmdrake (grafisch) und urpmi (CLI)
  • Paketformat Standard: RPM
  • Release-Zyklus: Ungefähr nach Jahreszeiten (z.B. „Spring Edition“)
  • Standarddesktop: KDE
  • 3D-Desktop / Desktopeffekte: In Kwin integriert (Standard seit KDE 4)
  • Kosten für Updates und Support: Je nach Lizenz der kommerziellen Version ab 49 Euro. Keine Kosten (Wiki, Foren) für die freien Versionen
  • Lizenz: Grösstenteils GPL V.2. Unfreie Software in den kommerziellen Versionen enthalten
  • Dokumentationen: http://doc.mandriva.com/
  • Forum: http://forum.mandriva.com/
  • Wiki: http://club.mandriva.com/xwiki/bin/view/KB/
  • Bugtracker: Bugzilla => https://qa.mandriva.com/
  • Mitmachen: http://www.mandriva.com/en/community/start

Besonderheiten dieser Version

  • MSEC Sicherheitspaket
  • Zentrale Konfiguration mit drakconf und den draktools
  • Schnelle Updates durch Delta-RPM’s

Erster Eindruck vom Desktop

Auch Mandriva schliesst sich dem allgemeinen Trend zur Einfachheit auf dem Desktop an. Die Schriften und die Kontrollleiste sind in der Standardeinstellung etwas zu klein für kurzsichtige Benutzer. Die feine Auswahl an Extra-Plasmoiden gefällt mir. Man merkt, dass die Mandriva-Designer den Wechsel von KDE 3 zu 4 sehr sanft machen wollten, denn es sieht auf den ersten Blick eher wie eine 3er Version aus.
Prinzipiell zu KDE 4.2 noch ein paar Anmerkungen: Dank den Features und der Stabilität (endlich) von KDE 4.2 in der Grundinstallation lässt es nun meines Erachtens auch MacOSX hinter sich (bei passenden Grafikkartentreibern umso mehr). Die noch vorhandenen Bugs (Semantischer Desktop, Plasma-Activities, automatische Plasmoideninstallation) werden durch die standardmäßig vorhandenen Features (PowerDevil, SVN-Integration, Unterstützung von verschlüsselten Partitionen und USB-Sticks im Dateimanager Dolphin) mehr als ausgeglichen. Auch die Plasmoiden-Entwicklung in der Community nimmt jetzt an Fahrt auf, es wird künftig sicher noch viele tolle Spielzeuge mehr geben ;-) Es wird endlich Zeit, einmal selber so ein Ding zu programmieren, was ich mir schon seit über einem Jahr immer wieder vornehme. Ich finde es erstaunlich, wie sehr man KDE4 visuell verändern kann auch ohne spezielle Kenntnisse, was es den Distributoren ermöglicht, eindeutige Merkmale bereitzustellen bei maximaler Portierbarkeit. Das war natürlich auch schon bei den Vorgängern so, aber nicht in dem Masse wie heute. Soviel also zu KDE unter Mandriva, bitte entschuldigt die Abschweifung.

Leider wird die Freude am aufgeräumten Desktop etwas getrübt durch Icons wie „Herzlich Willkommen“, „Join Mandriva“ und gar „Upgrade to Powerpack“, gerade letzteres ist in einer reinen Community-Version ein Unding, aber wir wollen mal nicht zu pingelig sein, denn wie bereits erwähnt hat Mandriva auch kommerzielle Distributionen im Programm und dadurch natürlich auch ein bisschen kommerzielle Interessen.

Installation

DrakX in Zusammenarbeit mit DiskDruid macht die Installation zum Kinderspiel. Komplexere Setups müssen aber auch hier manuell erledigt werden. Ärgerlich war bei mir allerdings, dass eine bestehende Windows-Installation nicht erkannt wurde und ich sie manuell im grub konfigurieren musste. Es könnte einen Benutzer anfangs doch ein bisschen Erschrecken, wenn er seine Windowspartition nicht im Grub-Auswahlbild sieht, kann ich mir durchaus vorstellen… Die Installation dauert übrigens fast so lange wie eine Fedora-DVD-Installation obwohl nur eine CD benutzt wird.

Startvorgang

Der Startvorgang geht erfreulich schnell vonstatten, realisiert durch diverse Optimierungen am klassischen Init-Startvorgang und am udev-Subsystem. Glaubt man den Medien, bekommt man das Gefühl, die Bootzeit ist eines der wichtigsten Kriterien geworden, und das ausgerechnet bei einem Betriebssystem, welches nur bei Kernel- oder Hardwarewechsel neu gestartet werden muss.

Der erste Start bietet Licht und Schatten: Zuerst war ich von der automatischen Aktualisierung vor dem ersten Login begeistert. Dadurch werden alle sicherheitsrelevanten Aktualisierungen eingespielt, bevor der Benutzer seine Programme startet. Dank den Delta-RPM’s geht das ganz flink (wenn ich da an meine alte WinXP SP1 CD denke, die würde heute so ca. 3 Stunden für den ersten Update brauchen, wohlgemerkt nachdem der Benutzer eingeloggt und mit dem bösen Internet verbunden ist, *schauder*).

Leider wird der gute Eindruck beim ersten Einloggen gleich wieder getrübt durch ein erzwungenes Formular zur Registrierung . Man kann es natürlich weg-klicken, aber so etwas Dreistes geht eigentlich gar nicht, schliesslich handelt es sich hier nicht um irgendeine Beta-Windows-Version.

Konfiguration

Hiervon sollten sich einige Distributionen ein großes Stück abschneiden (PCLinuxOS macht genau das). Die Draktools nähern sich der Perfektion. Ich glaube, damit kann tatsächlich auch ein Neuling gewisse Services und Setups zustandebringen, wofür er sonst Hilfe beanspruchen oder sehr viel Geld ausgeben müsste.

Als Paradebeispiel sei hier die Kindersicherung erwähnt: Ein kompliziertes Zusammenspiel von mehreren Programmen (Squid, Dansguard, Shorewall) ist sonst auch für den erfahrenen Admin eine zeitraubende Herausforderung. Aber hier erhält man tatsächlich mit ein paar Klicks einen passablen Schutz der jüngsten Familienmitglieder.  Natürlich hat die starke Vereinfachung den üblichen Effekt: Weitergehende Änderungen bedingen trotzdem die tiefere Kenntnis der eingesetzten Tools. Auf jeden Fall  bin ich schwer beeindruckt.

Package-Management & Softwareupdates

Rpmdrake als grafisches Frontend für urpmi arbeitet absolut zuverlässig. Dank Delta-RPM’s sind auch umfangreichere Updates (z.B. nach der frischen Installation) sehr schnell durch. Eigentlich ein Jammer, dass Delta-RPM’s noch den eher schlechten Ruf anhaften haben aus vergangenen SuSE-Zeiten. Seit ein paar Jahren scheinen sie problemlos und stabil zu funktionieren und ich wünschte mir sowas auch für Fedora beispielsweise. Nachtrag: Mit Fedora 11 gibt es dort nun endlich auch Delta-RPM’s.

Tools & Programme

Hier gibt es die Mandriva-eigene Security-Suite „msec“ zu erwähnen. Als Apparmor- und SELinux Geschädigter war ich natürlich erst skeptisch („Bitte nicht schon wieder eine neue Security-Suite!“). Aber schon beim zweiten Blick wurde klar, dass hier nur konsequent versucht wird, dem Desktop-Benutzer als auch dem ambitionierten Server-Admin (ja, Mandriva ist durchaus auch eine leistungsfähige Serverplattform) ein beliebig stark abgesichertes System zu bieten. Dies ist in meinen Augen gelungen. „Msec“ wurde mit Mandriva 8 eingeführt und beinhaltet z.B. Apparmor, welches aber auch deaktiviert werden kann, hier also nicht die Kernkomponente darstellt. Es werden weiter auch Verzeichnismasken definiert, was man wiederum von SELinux her kennt. Ohne tiefere Kenntnis von msec nehme ich mal an, dass die Entwickler das Beste aus den verschiedenen bestehenden Sicherheitsprogrammen kombinieren oder ergänzen wollen.

Hier ist die erste Konfigurations-Seite zu sehen, wo die einfachste Wahl zwischen drei Sicherheitsstufen („OFF“, „Standard“ für Desktops und „Secure“ für gesicherte Server)getroffen werden kann:

Die Details können dann auf den weiteren Reitern eingestellt werden, hier sieht man beispielsweise, dass AppArmor selbst auch ausgeschaltet werden kann:

Multimedia

Dank automatischer Abhängigkeitsinstallation, sobald man z.B. eine MPEG-Datei anklickt, kommt man praktisch nicht in Berührung mit mühsamen Codec-Installationen. Für kostenpflichtige Codecs ist „Codeina“ von Fluendo zuständig, quasi ein Codec-Webshop. Das ist natürlich nicht wirklich ein sauberes Linux, aber dafür bieten die Mandriva-Vertreiber auch eine „Free“ Version an, welche komplett auf proprietäre Software, Treiber und Codecs verzichtet. Ansonsten findet man für multimediale Belange die üblichen KDE-Programme.

Desktopeffekte / 3D-Desktop

Kurz und bündig: Da Kwin seit KDE4 die Desktopeffekte beinhaltet und die proprietären Treiber automatisch installiert werden, funktioniert es einfach.

Energiemanagement

Auch hier die bei KDE 4 übliche Energieverwaltung durch PowerDevil, welche bereits den Vorgänger von der Version 3 überflügelt hat, was Features und Stabilität anbelangt.

Fazit

Fast schon wie es zu erwarten war, ist Mandriva eine hervorragende Distribution, die durchaus Massstäbe zu setzen vermag. Dies liegt in erster Linie an den exzellenten Konfigurationswerkzeugen, den „Draktools“. Nicht ohne Grund basiert auch das bekannte PCLinuxOS auf Mandriva.

Pro:

Kontra:

  • KDE 4.2 mit guter Auswahl an Plasmoiden
  • Delta-RPM’s und automatische Codec- und Sotfware-Installation
  • Äusserst gelungene Konfigurationswerkzeuge auch für komplexere Einsatzgebiete
  • Msec-Sicherheitsframework überraschend einfach aber auch flexibel, ideal für neugierige Einsteiger
  • Der kommerzielle Charakter ist auch in den Community-Versionen etwas zu aufdringlich spürbar
  • Installationsroutine mit Fehlern (Bootloader-Konfiguration erkannte Windows XP nicht)
  • Sehr konservativer Stil von KDE 4
  • Doppelklick (lasst unsere armen Armsehnen endlich in Frieden!)

Bewertung

Ich vermeide ich es, ganze 5 Tuxe zu vergeben, damit nich oben noch etwas Potential bleibt, denn wer PCLinuxOS kennt, der weiss, dass sogar Mandriva noch einfacher bedien- und konfigurierbar werden kann (leider wird PCLinuxOS 2009.1 immer noch mit KDE 3.5 ausgeliefert). Jedenfalls ziehe ich es in betracht, Mandriva auf unserem iMac einzusetzen; der Einfachheit wegen.

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