Linux-Distributions Test Nr. 3: *** Sabayon 3.4 ***

Posted by Chris on Dezember 31, 2007

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Da ich etwas Zeit übrig hatte zwischen Weihnachten und Neujahr, beherzigte ich den Vorschlag eines Kommentators, eine Gentoo-basierte Distribution zu testen. Sabayon liegt derzeit auf Platz 5 in den Distrowatch-Charts, ist also ein heißer Anwärter auf den Distributions-Thron.

Herkunft / Ursprung

Wie erwähnt ist Sabayon von Gentoo abgeleitet. Man müßte eigentlich eher von einem einfach installierbaren Gentoo-Snapshot für Linux-Gamer mit exzellenter Live-DVD sprechen als von einer Distribution, denn distributionsspezifisch sind eigentlich nur die Applikationen und die Live-DVD-Varianten. Aufgrund der vielen vorhandenen 3D-Spiele, welche teilweise sogar eine eigene LiveCD-Instanz haben, handelt es sich außerdem um eine waschechte Linux-Gamer-Distribution

Wichtigste Daten in Kürze:

  • Homepage: http://www.sabayonlinux.org
  • Größe als ISO-Image: 4.2GB (1 DVD) / Dekomprimiert und installiert ca. 10 GB
  • LiveCD Funktion: Ja
  • Sprachen: Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch
  • Abgeleitet von: Gentoo
  • Kernel: 2.6.22 (Genkernel)
  • Package-Management: Portage
  • Release-Zyklus: keiner, Pakete werden laufend erneuert
  • Standarddesktop: Kann bei der Installation gewählt werden (KDE, Gnome, Fluxbox stehen zur Auswahl)
  • 3D-Desktop: Compiz/Beryl oder Metisse basierend auf AIGLX oder XGL
  • Kosten für Updates und Support: Keine (Wiki, Forum)
  • Lizenz: Größtenteils GPL V.2, proprietäre Software und binäre Treiber sind in der Grundinstallation vorhanden

Besonderheiten dieser Version

  • Als erstes fällt mir sofort die exzellente Live-DVD ein. Sie bietet diverse Startoptionen an. Bei den meisten handelt es sich um 3D-Spiele (allesamt Opensource), die quasi in einer dedizierten Umgebung ohne Schnickschnack gestartet werden. Sie alle funktionierten einwandfrei! Des weiteren sind noch zwei Media-Center auswählbar: Geexbox und Elisa. Leider war davon keine für mich brauchbar. Geexbox hat eine schicke 3D-Oberfläche jedoch ist die Bewegung der Menus zu langsam eingestellt. Meine DVD mochte Geexbox auch nicht abspielen. Bei Elisa lag das Problem hauptsächlich daran, dass das Programm die Live-DVD nicht mehr herausrücken wollte. Dadurch konnte ich noch nicht einmal die DVD einlegen. In der jetzigen Form sind die Media-Center also bloße Spielerei und absolut untauglich. Eine weitere nette Option ist das “Anonymous Internet Browsing” (Surfen mit den Anonymisierungstools “Tor” und “Privoxy”), leider wird das anonyme Surfen ab und zu zur Geduldsprobe, vermutlich sind die Proxy-Server zeitweise überlastet (anonymes Surfen scheint ein wachsendes Bedürfnis zu sein).
    Trotz der noch vorhandenen Schwächen bin ich der Meinung, dass dies die Live-DVD mit dem größten Potenzial ist, die mir bislang untergekommen ist.

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  • Als weitere Besonderheit ist die Gentoo-Grundlage zu sehen. Dadurch wird Sabayon einerseits zu einem hochperformanten Gaming-System, auf der anderen Seite beschränkt es so die Zielgruppe etwas auf fortgeschrittene Linux-Benutzer, die auch mal Hand an der Kommandozeile anlegen können, wenn’s hart auf hart kommt (und das wird es früher oder später bei einem Gentoo-System, glaubt mir das).
  • Die DVD ist vollgepackt, deshalb sind die meisten binären Treiber, und viele proprietäre Software out-of-the-box erhältlich. Ich kann hier nur ein paar aufzählen: Nvidia- und ATI-Treiber, Google Picasa, VirtualBox, Skype, RealPlayer, SecondLife, SUN Java etc.

Erster Eindruck vom Desktop

Die Entwickler betonen gerne die Tatsache, dass Sabayon aus einem «führenden Modeland» stammt. Damit ist Italien gemeint. Und tatsächlich hat man das Gefühl, hier wird das Design in einer Mischung zwischen Ferrari und Dolce & Gabbana präsentiert. Der Stil mit viel Rot ist zwar gewöhnungsbedürftig, dafür aber konsequent und einheitlich durchgesetzt. Dadurch wirkt das ganze wie aus einem Guss.

Die Unterschiede zwischen KDE und Gnome sind dabei subtil, was ein Indiz für die aufgewendete Sorgfalt im Design ist. So etwas sieht man sonst eigentlich nur bei den ganz “Großen” wie Fedora, Redhat, und Ubuntu.

Als Startmenü wurde auch hier die Alternative mit den Hauptpunkten gewählt. Wie üblich ist dies absolute Geschmackssache, ich persönlich finde dadurch nicht schneller zu meinen Applikationen.

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Installation

Als Installationsprogramm wurde Anaconda von Fedora übernommen, womit auch LVM und Raid-Setups möglich sind (Disk Druid). Die Installation verläuft deshalb ähnlich wie bei vielen Distributionen, eine vollständige Diaschau derselben gibt’s hier:

Die Installation (Slideshow)

Die Installation selbst dauert naturgemäß relativ lange (je nach Hardware 20-40 Minuten), da praktisch die gesamte DVD entpackt wird.

Konfiguration

Tja, hier fangen die Schwierigkeiten an, wenn der Benutzer kein erfahrener Linux-Haudegen ist. Es wäre vermutlich nicht allzu schlimm, wenn man keine exotische Hardware und eine normalen Ethernetanbindung mit DHCP hat. Aber nur schon um z.B. im Live-CD-Betrieb WLAN zum funktionieren zu bringen, muss auf die Kommandozeile (z.B. ifconfig, iwconfig und sogar route) zurückgegriffen werden. Die Konfigurationsdateien sind dieselben wie schon seit Jahren in Gentoo (eben auch für WLAN). Es gibt kaum Konfigurationswerkzeuge, die einem helfen, wenn etwas nicht so läuft wie es soll. Was soll man tun, wenn beispielsweise die Soundkarte nicht will?

Dies scheint eben immer noch der Preis für das “Living-on-the-edge” mit einer Gentooartigen Installation zu sein.

Package-Management & Software

Mit dem Portage-System wird keine fertigen Pakete direkt installiert, sondern es wird jede Software aus dem Quelltext kompiliert (naja, mit “Overlays” ist eine Binärinstallation schon auch möglich). Das gilt natürlich auch für den Kernel, der bei neuen Versionen stets selbst übersetzt werden muss. Dies bedeutet teilweise einen Geschwindigkeitsgewinn, da die resultierenden Programme und Bibliotheken sehr genau auf die zugrundeliegende Hardware abgestimmt sind. Andererseits dauert dadurch jede Installation sehr lange, manchmal länger, als es der Geschwindigkeitsgewinn rechtfertigen würde.

Tools & Programme

Kurzum: Es ist praktisch alles vorhanden, was das Herz begehrt. Auch proprietäre Software ist haufenweise vorhanden (Google Picasa, VirtualBox, Skype, RealPlayer, SecondLife etc.)

Schon die Erkundung nur eines Teils der vorhandenen Programme konnte mich stundenlang unterhalten. Sehr interessant ist die grosse Auswahl an 3D- und anderen Opensource-Spielen (Sauerbraten, Savage, Nexuiz, Battle for Newerth, Battle for Wesnoth). Leider fehlt “World of Padman”, aber das ist ja auch nicht Opensource.

Ein besonderes Highlight ist “Wine-doors”, ein Projekt, welches noch nicht lange besteht und noch in der Beta-Phase ist. Jedoch ist schon sehr gut zu erkennen, welche Möglichkeiten es in Zukunft bieten wird. Wine-Doors ist quasi ein Hilfsprogramm für Wine (Der Windows-Emulator, der kein Emulator ist) und hilft, standardisierte Pakete zu installieren, also z.B. Gecko, DCOM, Visual C Bibliotheken, Steam, Half Life 2 etc. Einige Installationen haben aber nicht funktioniert, was zu verschmerzen ist angesichts der Versionsnummer. Vielmehr ist die Einbindung von wine-doors ein Beispiel für die Experimentierfreudigkeit und Aktualität von Sabayon.

Wine-Doors ist noch in einem sehr frühen Stadium, zeigt aber schon beeindruckend, wie einfach Installation damit sein werden:
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Multimedia

Durch die “liberale” Haltung der Sabayon-Entwickler bezüglich Closed-Source und proprietärer Software und Treiber funktionieren praktisch alle Multimedia-Formate out-of-the box.

3D-Desktop

Hier gibt es alles was das Herz begehrt. Compiz gehört schon zum guten Ton. Wenn die 3D-Beschleunigung aktiviert wurde (was dank bereits vorhandener binärer Treiber kein Problem ist und automatisch geschieht), wird am Schluss der Installation eine Option zum Aktivieren der 3D-Funktionen präsentiert. Man hat dabei die Wahl zwischen AIGLX und XGL. Beim Einloggen kann der Benutzer dann sogar “Metisse” (in Kombination mit KDE oder Gnome) wählen, einen vor allem bei Mandriva eingesetzten Gegenstück zu Compiz, welches den Fokus auf Usability setzt. Vermutlich mangels Einarbeitungszeit konnte ich mich noch nicht allzu sehr damit anfreunden.

Mittlerweile mehr Pflicht als Kür; der 3D-Desktop:

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Fazit

Sabayon ist nichts für Anfänger. Wenn man sich nicht vor Kommandozeilen-Kung-Fu fürchtet, macht es jedoch einen Riesenspass! Und auch Linux-Gamer werden ihre Freude haben. Man kann nämlich seine Live-DVD an jede LAN-Party mitnehmen und – wenn dort ein PC vorhanden ist – ohne Installation loslegen mit den besten 2D- und 3D-Games, die es für Linux gibt. Diese Distribution ist ein Paradebeispiel für die Vielfältigkeit von Linux. Die meisten Pro-Argumente sind je nach Sichtweise gleichzeitig auch Kontra-Argumente; das beispielsweise die neuesten Releases von Programmen verwendet werden, ist für Profis ein Spaßfaktor, für Neulinge aber wegen der Bugs und Instabilitäten eher frustrierend.

Pro:

Kontra:

  • Out-of-the-box Unterstützung aller gängigen Multimediaformate
  • Ein echtes Gamer-Linux!
  • Einheitliches und professionelles Design
  • Live-DVD mit sehr vielen Möglichkeiten (dedizierte Spielumgebungen, anonymisiertes Surfen etc.)
  • Der Gentoo-Spaßfaktor
  • Programme und Updates müssen kompiliert werden und sind dadurch zeitraubend
  • Ein paar Funktionen der Live-DVD scheinen nicht mit jeder Hardware zusammenzuarbeiten und die Media-Center sind nicht wirklich brauchbar
  • Der Gentoo-Schwierigkeitsgrad
  • Einige der Programme und Funktionen arbeiten instabil und/oder sind unvollständig übersetzt

Bewertung

tux3andhalf

Ich persönlich hätte 5 Pinguine vergeben, denn ich habe meine Spaß mit Sabayon. Aber hinsichtlich der Tauglichkeit als Desktopsystem für Einsteiger sind 4 sogar noch etwas hoch gegriffen, darum das Zwischenmass.

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