Es hat etwas länger gedauert, aber endlich habe ich die Zeit gefunden, Linux Mint (momentan auf Platz 6 in den Distrowatch-Charts) zu installieren. Für diese Installation habe ich auf die Virtualisierung verzichtet, und eine primäre Partition auf meinem Notebook freigeschaufelt. Denn was könnte eine bessere Testumgebung darstellen als ein Notebook mit WLAN und exotischer Displayauflösung? Außerdem bringt heutzutage nahezu jede Distribution die 3D-Desktopeffekte mit und dies sollte natürlich auch getestet werden.
Herkunft / Ursprung
Ursprünglich zeichnet Clement Lefebvre verantwortlich für diese Distribution. Er hat seinerseits viele Distributionen getestet und wollte seinen Traum verwirklichen, selbst das «perfekte Desktop-Linux» zu erstellen. Linux Mint wurde mit einer Ubuntu Feisty Basis erstellt. Die KDE- und XFCE-Versionen werden von der Community jeweils mit etwas Zeitunterschied zur ursprünglichen Gnome-Version erstellt. Die Webseite des Projekts orientiert sich mehr oder weniger am Stil des Dekstops. Es wäre dort der Übersicht jedoch dienlich, ein paar Links zu entfernen. Das Wiki und das Forum sollten in der Regel als Support-Anlaufstellen genügen.
Wichtigste Daten in Kürze:
- Homepage: http://www.linuxmint.com
- Größe als ISO-Image: 690.5 MB (1 CD) / Dekomprimiert ca. 2.5 GB
- LiveCD Funktion: Ja
- Sprache: Englisch (Kann jedoch mit Sprachpaketen um andere Sprachen erweitert werden)
- Abgeleitet von: Ubuntu Feisty Fawn (7.04)
- Kernel: 2.6.20-16 (immer analog zum aktuellen Ubuntu-Release
- Package-Management: APT mit Debian (DEB) Paketen und Synaptic als GUI
- Release-Zyklus: ca. halbjährlich (angelehnt an den Ubuntu-Rhythmus)
- Standarddesktop: Gnome
- 3D-Desktop: Compiz/Beryl auf AIGLX (standardmäßig deaktiviert)
- Kosten für Updates und Support: Keine (Wiki, Forum)
- Lizenz: GPL v2, proprietäre Software und Treiber in der normalen Edition vorhanden
Besonderheiten dieser Version
Die Macher von Linux Mint stellen erfreulicherweise schon in den Releasenotes in wenigen Worten klar, welchen Weg die Distribution geht und beantworten auch schon ein paar Fragen, die dem Linux-Profi nach der Installation in den Sinn kommen könnten:
- Es gibt keine automatischen Updates mehr (resp. keinen Update-Notifier). Dies passiert, weil laut Entwickler die Stabilität klar über die Sicherheit geht. Ich habe lange darüber nachgedacht und bin nach wie vor eher skeptisch, was diesen Punkt anbelangt. Auch wenn – wie die Entwickler meinen – die Distribution 2mal jährlich neuveröffentlicht wird, ist bei groben Sicherheitslücken keinerlei Information des Benutzers gewährleistet. Meiner Meinung nach machen es sich die Entwickler etwas zu einfach dadurch, denn sie wollen sich keine Sorgen machen, ob ein Kernel-Upgrade irgendwelche Treiber zum Stillstand bringt. Leider hat es der Unterbau dieser Distribution (Ubuntu Feisty) an sich, dass dies tatsächlich hin und wieder mal geschieht, wenn auch immer seltener.
- Des weiteren wurde Beagle vollständig entfernt, da ein großteil der Benutzer dieses Such- und Indexierungsprogramm sowieso nicht nutzten. Richtige Entscheidung! Ich behaupte mal frech, dass dasselbe auch für den Google-Indexer gilt. Er ist zwar cool und funktioniert, aber wirklich gebraucht habe ich und viele andere ihn nie.
- “mintUpload” nennt sich ein in Nautilus eingebautes nettes Gimmick, welches dem Benutzer erlaubt, beliebige Dateien auf einen Mint-Server im Internet hochzuladen. Dazu haben alle Benutzer einen gemeinsamen 1GB-Speicherplatz zur Verfügung. Es Dateien von bis zu 10MB Größe hochgeladen werden und die Dateien werden nach 2 Tagen wieder gelöscht. Ein nettes Feature für mich, beispielsweise die Screenshots der Distribution kurz zwischenzulagern. Wie schnell das Gigabyte an Platz belegt ist, wird sich mit größerer Verbreitung resp. Bekanntheit der Funktion noch zeigen.
Erster Eindruck vom Desktop
Das Design der Arbeitsoberfläche ist sehr gelungen. Es spielt gut mit der Gnome-Fensterdekoration zusammen. Allerdings muss man realisieren, dass die Ansprüche größer werden, wenn man ein schönes Design in einer Distribution abliefern möchte. Denn der benötigte Feinschliff, der auch hier noch vonnöten ist, erfordert noch viel Zeit und Arbeit. Schließlich ist noch keine MAC OSX-Oberfläche vom Himmel gefallen. Auf die Frage KDE oder Gnome werde ich mich an dieser Stelle nicht einlassen, denn sie ist nicht mehr so maßgebend wie früher. Die KDE- und Gnome Programme werden heutzutage nämlich durcheinandergemischt, was sowieso das Vorhandensein der Bibliotheken beider Umgebungen nötig macht.
Die Standardsounds sind eher spärlich. Zum Glück, denn das Geräusch beim Herauf- und Hinunterfahren nervt leider und die Audioausgabe ist anfangs zu laut eingestellt. Auch dass Fehlermeldungen standardmäßig die Systemglocke benutzen, heißt bei jedem Vertipper einen unangenehm lauten Piepston von meinem Dell-Notebook zu erhalten. Auch das Terminal verwendet diesen grausamen Ton. Da hätte man lieber ganz auf die Systemklänge verzichten oder zumindest auf subtilere Töne setzen sollen.
Das Startmenu ist eine Erwähnung wert. In diesem Bereich geht zurzeit Einiges in verschiedenen Distributionen (was auch nötig ist, da es noch nie übersichtlich war). Linux Mint hat sich für eine Lösung mit relativ flacher Struktur und Favoriten entschieden. Was fehlt, sind die letztbenutzten Programme, was mich aber zu keinem Zeitpunkt gestört hat, denn ich habe ja selbst meine Favoriten gesetzt. Die Suchfunktion des Startmenues funktioniert ebenfalls tadellos.
Auf Microsoft-Fonts (Arial, Verdana etc.) wurde verzichtet, was aber nicht stört, da die Standard-Fonts schon sehr schön sind.
Hier ein Screenshot der bereits fertig installierten Version (weicht nicht allzusehr vom Live-CD Desktop ab):
Installation
Die Installation verläuft wie gehabt ubuntu-mäßig einfach und gemütlich von der LiveCD. Der Verlauf ist hinreichend bekannt (Auswahl von Sprache und Gebietsschema, Partitionierung). Die Grub-Konfiguration ist etwas versteckt auf der letzten Seite unter “advanced” zu finden und nur unter der Grub-üblichen Bezeichnung (z.B. hd0). Natürlich ist dies meistens kein Thema, da die bestehenden Installation sauber erkannt werden und Grub gefahrlos in den MBR installiert werden kann. Leider wird auch hier bei der Paketauswahl der Installation die deutsche Sprache ignoriert (die Sprachauswahl bezieht sich nur auf das Installationsprozedere), weshalb das fertig installierte System nur die Standardpakete auf Englisch enthält.
Konfiguration
Die Konfiguration (zu finden im Programm-Menu unter “Einstellungen”) gestaltet sich relativ einfach, wobei mir ein einziges Interface wie bei PCLinuxOS erheblich mehr zusagt. Es existiert ausserdem noch ein ein “mintConfig” unter dem Punkt “Hardware”. Diese enthält aber wiederum viele verschiedene Funktionen. Die Trennung der Funktionen ist mir hier zu wenig klar.
Es sind insgesamt ähnlich viele Icons wie bei der Windows-Systemsteuerung vorhanden und leider ist auch hier nicht bei allen auf Anhieb klar, welche Funktion sie innehaben. Jeder Benutzer mit etwas Neugier hat aber schnell den Bogen raus. Bei den meisten Einstellungen wurden die Standardfunktionen von Gnome verwendet.
Das Kontrollzentrum bringt schon sehr viele Funktionen mit:
Etwas verwirrend: Innerhalb dieses Kontrollzentrums befindet sich ausserdem “mintConfig”, welches größtenteils dieselben Elemente bietet:
Package-Management & Software
Mit Synaptic kann man bei einer Ubuntu- resp. Debian-basierten Distribution eigentlich nicht viel falsch machen. Da aber wie erwähnt auf einen Update-Notifier verzichtet wurde, muss der Benutzer (resp. der Administrator) eigenständig das System via Synaptic (oder Kommandozeile) auf den neuesten Stand bringen.
Tools
Im Büro- und Internetbereich wird auf Openoffice und die Mozillaprodukte gesetzt. Leider sind beide standardmäßig nur in Englisch installiert und müssen somit via Synaptic von Hand mit den deutschen Erweiterungspaketen versehen werden. Dabei muss darauf geachtet werden, dass das Meta-Paket “language-support-de” installiert wird, womit automatisch beispielsweise auch die Rechtschreibung korrekt aktiviert wird in Openoffice.
Die Browser-Startseite ist eine spezielle Linux Mint Seite mit integriertem Google, welche sich sehr gut in das Design des Desktops einfügt. Auch die Standardbookmarks wurden mit den Anlaufstellen für Support (Forum, Wiki) gut gewählt.
Gemeinsame Ordner sind sehr einfach zu konfigurieren mittels Samba oder NFS, die Software hierzu wird automatisch installiert.
Mit “Apt-on-CD”, welches ich persönlich noch nicht gekannt habe, lassen sich alle zusätzlich installierten Pakete (beispielsweise die Language-Packs) in ein ISO-Image packen und auf CD brennen. Somit kann man eine Installation bei sich zu Hause vorbereiten und perfektionieren und geht dann mit LiveCD sowie der selbstgemachten Zusatz-Packages-CD aus dem Haus und installiert das Betriebssystem ohne langwierige Nachinstallationen via Internet.
Multimedia
Es funktioniert praktisch alles tadellos out-of-the-box. Mit Totem wurde ein guter Standardplayer für die meisten Multimediaformate verwendet. Sogar das Realplayer-Format wird ohne Murren abgespielt. Nur von Windows-Netzwerkshares (resp. Samba) können div. Formate nicht gestartet werden.
3D-Desktop
Ist vorhanden und relativ einfach aktivierbar. Jedoch dreht der Würfel erst, wenn der Beryl-Manager aktiviert wird. Bei der Linux-Mint eigenen Aktivierungsart wackelten bei meinen Versuchen nur die Fenster, der Würfel wollte sich partout nicht drehen. Die beiden Aktivierungsarten von Desktopeffekten scheinen sich gegenseitig auszuschließen, d.h. aktiviere ich Beryl, deaktiviere ich damit die Mint-Desktopeffekte (obwohl der Unterbau derselbe ist: Compiz/Beryl auf AIGLX). Das Setup ist für Einsteiger zurzeit also noch etwas verwirrend.
Funktioniert tadellos, wenn man Beryl startet und sich nicht am Standard-Beryl-Fensterdekorator stört: Der bekanne 3D-Desktop-Würfel:
Fazit
Ist Clement Lefebvre das perfekte Desktop-Linux gelungen? Noch nicht, würde ich sagen. Es ist noch einiges an Arbeit nötig, damit das ganze wie aus einem Guss wirkt. Aber ich freue mich schon auf die nächste Version.
Pro: |
Kontra: |
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Bewertung
Eine sehr gute, grundsolide Distribution mit angenehmem Aussehen. Trotzdem nur 4 Pinguine, denn es fehlt hier eindeutig noch etwas an Feinschliff bezüglich einheitlichem Design und der Benutzerfreundlichkeit (Konfiguration). Ich sehe für Linux Mint ein großes Potenzial vor allem bei Ubuntu-Benutzern, welche sich ein hübscheres Äußeres Ihrer Distribution wünschen (wie ich auch).







Als Windows-Umsteiger schätze ich bei Linux Ubuntu insbesondere die enorme Schlichtheit und ziehe deshalb diese Distribution allen anderen vor, die mit angeblich mehr Komfort – meistens an Windows angelehnt – versuchen, den Windows-Umsteigern das Leben (noch) einfacher zu machen. Aber schliesslich ist das alles ja Geschmackssache. Mich hat es gefreut, dass meine Frau, die bislang zu den Dummies-Computer-Usern gehört hat, endlich mit einem OS arbeiten kann, ohne dass ich täglich Hilfestunden geben muss.
Mfg
Kurt