Kaum wurde KDE SC 4.4.0 (SC steht für Software Compilation, seit ein paar Wochen nennt sich KDE so, weil es doch langsam viele Software aus dem Projekt gibt) und schon stehen für Fedora 12 die Pakete bereit. Natürlich rechnete ich mit Kinderkrankheiten, denn ein KDE 4-Release war noch nie “Produktionsreif” sondern eigentlich immer Beta. Das ist nun mal so, wen das stört, der soll doch testen und helfen, damit sich das ändert.
Auf jeden Fall wurde KDE schlanker, was die Fensterdekoration angeht. Es gibt einen Formfaktor-Umschalter, der bei mir aber zuerst einmal den kwin-Prozess abstürzen liess. Ein Erlebnis, welches sich unter verschiedensten Umständen wiederholen sollte. Die Intention des Umschalters ist jedoch durchaus klar, denn bei Netbooks kommt ein ganz anderes Prinzip zum tragen als bei Desktops:
Semantischer Desktop (Nepomuk / Strigi)
Beim semantischen Desktop hat es wieder mal eine Änderung im Backend gegeben. Virtuoso speichert nun die indizierten Daten, Tags etc. für Nepomuk. Angeblich viel schneller und stabiler, merke ich davon nichts. Im Gegenteil, der strigi-indexer ist noch nie soviele male abgestürzt wie jetzt. Er kann meine Dateien nicht mal fertig indexieren (und es sind beileibe nicht mehr als 6 GB). Wenn man nur Nepomuk alleine nutzt (z.B. Tags für Dateien, Kontakte u.ä.), sieht man jedoch, wie cool eine semantische Suchapplikation sein kann. Man gibt einen Namen ein und erhält als ersten Vorschlag “Mail senden an …” wenn der Name ein Mail-Kontakt ist (wenn Strigi hier die Mails indiziert hätte würden auch Namen angezeigt, die nicht in den Kontakten gespeichert sind, sondern mit denen wir einfach irgendwann mal in Kontakt waren). Weitere Vorschläge zeigen auch phonetisch ähnliche Suchanfragen in Wikipedia u.v.m. Würde Strigi funktionieren, wäre Nepomuk noch viel mächtiger, also bitte, stabilisiert den Indexier-Mist endlich, Google hat seit vielen Jahren den Desktop-Indexer stabil am laufen!
Krunner (wird mit ALT+F2 gestartet), den man am besten für die Suche oder Programmaufrufe benutzt, wurde an den oberen Bildschirmrand versetzt (was man natürlich weiterhin frei konfigurieren darf, wenn man das nicht mag). Leider bleibt er manchmal aus unersichtlichen Gründen (Nepomuk?) einige Sekunden stehen.
Plasma
Vieles hat sich in Plasma getan. Besonders freuten mich viele kleine und grössere Änderungen, die dem Benutzer viel mehr intuitives Arbeiten ermöglichen. Viele Details entdeckt man erst später, wie die verbesserten Desktopeffekte, da werden zum Beispiel beim Anzeigen aller virtuellen Desktops die jeweiligen geöffneten Fenster auseinandergehalten, denn wozu sonst ist die Übersicht gut, als um offene Programme zu finden? Bis anhin taugte sie eigentlich nur als netter Effekt um Kollegen zu beeindrucken. Solche Beispiele gibt es einige. Der Hammer ist für mich persönlich der Systemabschnitt der Kontrolleiste. Dort kann man nun diverse Plasmoiden reinwursteln, und es ist nicht einmal unansehnlich!
Ich hätte ja nie gedacht, dass eine 4-Tage-Wettervorhersage so wenig Platz braucht und im Systemabschnitt Platz hat. Wenn man mit der Maus darüber fährt, erhältm man den ausführlichen Wetterbericht. Im Bild dazu sieht man auch den neuen Gerätemanager, der nun Automunt beherrscht, sowie vom Benutzer konfigurierbar ist. Wenn ein versierter Benutzer hat, kann er beliebige Befehle automatisch ablaufen lassen, sobald dieser Stick eingesteckt ist, was sehr viele Möglichkeiten eröffnet (automatische Synchronisation beim Einstecken u.v.m.)
Endlich wurde auch die Verknüpfung von Aktivitäten mit virtuellen Desktops in die normale Konfigurationsoberfläche übernommen:
Ein paar der alten Probleme bleiben: Verkleinert man die Aktivitäten, wird das Scrolling wieder sehr zähflüssig. Bei Multi-Monitor-Betrieb mit TwinView noch viel schlimmer. Das Erstellen von 4 Aktivitäten (eine pro virt. Desktop) ist ja kein Problem, aber was passiert, wenn man es rückgängig macht? Die Aktivitäten bleiben bestehen. Hier müssen seit langem Komfortfunktionen geschaffen werden (eine kleine Aktivitätenvorschau, ohne im Plasma-Bereich zähflüssig herumzustraucheln). Denn wenn man die Zuordnung Aktivität/Desktop wieder einschaltet passiert etwas Altbekanntes: Die mühselig eingerichtete Aktivität wird einem anderen Desktop zugeordnet. Auch wenn man herauszoomt und bei der richtigen Aktivität wieder hineinzoomt, hat man früher oder später ein Durcheinander. So wie ich jetzt nach dem Testen: Weil meine zwei Monitore verschiedene Auflösungen haben, kann ich jetzt genausogut .kde/share/config/plasma* löschen, um von vorne anzufangen. Das bringt mich zum letzten Punkt. Kaum ein Release von KDE konnten die meisten Benutzer ihr .kde behalten. Immer wieder kommt man zum Punkt an dem man sagt „Besser ich lösche die Konfiguration sonst gibts wieder Probleme“. Denn es geht mehr Zeit verloren auf der Suche nach einzelnen Problemem als für die Neukonfiguration der KDE-Oberfläche. Nun kommt aber etwas problematisches hinzu: Nepomuk mit Strigi sammelt Daten in Datenbankdateien innerhalb von .kde. Wenn ein unbedarfter Benutzer nun 1 Jahr lang alle seine Dateien taggt und bei einem neuen Release mal wieder das Löschen von .kde vor der Tür steht…man kann sich vorstellen wie das weitergeht. Für Otto Normalbenutzer braucht es Sicherheit, was die Konfiguration anbelangt. Ein Möglichkeit zum XML-Export von Konfigurationen und Nepomuk-Daten vor Releaseses wäre so etwas. Es ist wie immer: Der Ideen hat es genug, aber es kann immer nur ein Bruchteil davon umgesetzt werden.
Fazit
Für einen als offiziell veröffentlichten Release gibt es viel zu viele Abstürze an so vielen Stellen, dass man das Marketing-Team entmündigen und mit 100 Windows-Installationen bestrafen sollte. Als Technologie-Preview zeigt es aber durchaus, wie exzellent KDE 4.4.x sein wird und das der semantische Desktop wirklich kommt und nützlich ist. Ausserdem sieht KDE unverschämt gut aus und viele Funktionen sind selbsterklärender geworden. Es ist schon lange überfällig, dass anstatt neuen Features die Stabilität in den Vordergrund rückt. Aaron Seigo und Co. wären gut beraten, einen Fork für die Feature-geilen Desktop-User zu machen, und einen Stable-Branch nebenbei zu führen. Denn KDE 4 wird sich wohl kaum in Enterprise-Distributionen verbreiten, wenn es erst in einem Jahr absturzfrei läuft. Was die Features anbelangt, wurde das Vorbild OSX schon vor zwei Jahren übertroffen, aber was die Stabilität angeht liegt sogar Windows 95 vorne im Moment (das soll ein Ansporn sein und kein Gejammere).
Zweiter Eindruck
Nachdem ich nun die meisten Verbesserungen gesehen und getestet habe, bin ich schon sehr viel milder gestimmt. Die Abstürze werden seltener, wenn man die Aktivitäten von Anfang an neu aufbaut. Wenn man ihnen dieselben Namen gibt wie den ihnen zugeordneten virtuellen Desktops (was imho eigentlich automatisch geschehen sollte, wenn man die Zuordnung aktiviert), gibt es auch weniger Konfusion in dieser Hinsicht. Wenn auch Nepomuk und Strigi ausgebaut und stabilisiert werden müssen, fühlt sich alles absolut flüssig und unheimlich konsistent an. KDE rockt wieder!




