Distributions-Test Nr. 9: *** PCLinuxOS 2010 *** 4

Posted by Chris on Juli 09, 2010

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Drei Jahre ist es her, seit ich PCLinuxOS das letzte mal getestet habe. Mittlerweile kenne ich auch die ihm zugrunde liegende Distribution Mandriva sehr gut. Ich war damals auf Anhieb begeistert, wie einfach eine gut durchdachte Desktop-Distribution sein kann, wenn die Macher sich wirklich auf das Wichtigste Konzentrieren: Die Zeit, die ein Benutzer für seine Tätigkeiten benötigt.

Herkunft / Ursprung

PCLinuxOS stammt von Mandriva ab. Vor allem 2007, als Ubuntu noch nicht so populär war, hatte es den 1. Platz in den Distrowatch-Charts inne (meiner Meinung nach absolut zurecht, unter dem Gesichtspunkt der Benutzerfreundlichkeit gesehen). Noch immer ist Texstar (Bill Reynolds) der hauptverantwortliche Entwickler.

Wichtigste Daten in Kürze:

  • Homepage: http://www.pclinuxos.com
  • Businessmodell: Keines (höchstens etwas Sponsoring auf der Webseite) / Spenden
  • Ungefähre Grösse der Vollversion als ISO-Image: 692 MB
  • LiveCD Funktion: Ja
  • Sprachen: Englisch, weitere Sprachen einfach installierbar
  • Abgeleitet von: Mandriva
  • Kernel: 2.6.32 mit BFS (Brain Fuck Scheduler)
  • Package-Management: Synaptic
  • Paketformat Standard: RPM
  • Release-Zyklus: Nach Jahreszahl
  • Standarddesktop: KDE / Gnome / XFCE u.s.w. (je nach Edition)
  • 3D-Desktop / Desktopeffekte: In KWin integriert (Standard seit KDE 4) oder mit Compiz für andere Desktopmanager
  • Kosten für Updates und Support: Keine
  • Lizenz: Grösstenteils GPL V.2 oder 3. Proprietäre Treiber und Codecs / Flash / Java bereits enthalten
  • Forum: http://www.pclinuxos.com/forum/
  • Dokumentation / Wiki: http://www.pclinuxos.com/wiki/index.php/Main_Page
  • Mitmachen: http://www.mandriva.com/en/community/start

Besonderheiten dieser Version

  • Brain Fuck Scheduler BFS!
  • Scheinbar optimiert auf Geschwindigkeit
  • Unglaublich schnelle Installation

Erster Eindruck vom Desktop

Ich muss als erstes sagen: Ja, PCLinxOS ist teilweise schnell, verdammt schnell sogar. Nicht nur beim Starten (denn das können ja mittlerweile viele), sondern auch beim Desktopeinsatz selbst. Dies könnte tatsächlich auch am Con Kolivas’ (der hackende Anästhesist aus Australien) neuem Brain-Fuck-Scheduler (BFS) liegen, der Desktop-Prozessen generell eine höhere Priorität einräumen soll. Das macht Windows schon lange, aber das wird ja auch fast nur auf Desktops eingesetzt. Sollte sich bestätigen, dass mit BFS der Linux-Desktop endlich Realität wird, dürfte hoffentlich einer Aufnahme in den Mainline-Kernel nichts mehr im Wege stehen. Unverständlich ist aber, dass die Entwickler nicht daran gedacht haben, den Kernel mit der Option LATENCYTOP zu kompilieren, wie es bei Fedora beispielsweise schon lange gemacht wird. So kann man nur Vermutungen anstellen, ob und wie der Desktop nun dank BFS schneller sein könnte. Ich hätte wirklich gerne Tests gemacht mit handfesten Zahlen, aber so bleiben die üblichen subjektiven (und damit quasi wertlosen) Aussagen von mir, dass sich der Desktop eben „schneller anfühlt“

Die Fenster lassen sich auch unter Vollast noch absolut flüssig bedienen und bewegen, das ist wie gesagt nicht selbstverständlich für ein eigentlich auf Server ausgelegtes Betriebssystem, das normalerweise die Ressourcen fair verteilen soll.

 Wie immer sehr störend: Klick-mich-installier-mich-Buttons auf dem Desktop...

Wie immer sehr störend: Klick-mich-installier-mich-Buttons auf dem Desktop...

Installation

Die Installation ist die schnellste, die ich jemals hatte (zumindest bei einer Desktop-Distribution). Nach 2,5 Minuten durfte ich schon in das neue System booten und ca. 30 Sekunden später bereits einloggen (resp. Benutzerdetails eingeben). Das ist die positive Seite der fehlenden Software und Lokalisierungen. Trotzdem ist eine schnelle Installation in meinen Augen kein allzu wichtiges Feature einer Distribution, denn es ist ohnehin alles schneller als eine Windows-7 Installation, auch die fetteste Sabayon-Doppel-DVD mit allen 3D-Games.

Startvorgang

Konfiguration

Seltsamerweise hat sich die Konfiguration nicht wirklich vereinfacht im Vergleich zum letzten Test. Vielleicht liegt es auch eher daran, dass hier Mandriva die Latte äusserst hoch gelegt hat. Die Konfigurationselemente im PCLinuxOS-Kontrollzentrum sind nicht sehr logisch oder intuitiv aufgebaut. Mir ist bewusst, wie schwierig das sein kann, aber warum es einen Hauptpunkt “Dateifreigabe” gibt mit FTP und Webserver und wieder einen Hauptpunkt “Netzwerkschnittstellen”, unter dem man NFS und Samba-Einstellungen findet, leuchtet mir wirklich nicht ein. Die folgenden Bilder zeigen, wie die eigentliche Stärke des Konfigurationswerkzeuges zu einer Schwäche wird, nur durch die seltsame Menulogik. Man sollte sich bei PCLinuxOS überlegen, ob man das Ziel der Einsteigerfreundlichkeit nicht eher erreichen kann, wenn man fortgeschrittene Konfigurationen weglässt wie Ubuntu. Dort fühlen sich Anfänger sehr wohl, denn es gibt nicht allzuviele grafische Tools, mit denen man etwas kaputtmachen kann. Wer einen Netzwerkservicedienst aufsetzen will, braucht ohnehin ein gewisses Maß an Erfahrung, das gilt für alle Betriebssysteme. Nach wie vor begeistert bin ich von der Kindersicherungskonfiguration, die verschiedene Werkzeuge integriert und doch einfach zu konfigurieren ist. Da macht ein Konfigurationswerkzeug auch wirklich SInn, damit die Eltern beruhigt die Kinder am PC surfen lassen können.

Dateifreigaben und Samba unter "Netzwerkschnittstellen"...

...dafür Webserver und FTP unter "Dateifreigabe"?

...und zuguter letzt: Die Partitionsfreigabe im Netz unter "Lokale Festplatten".

Package-Management & Softwareupdates

PCLinuxOS setzt mit Synaptic auf ein äusserst stabiles Paket-Werkzeug. Leider gibt es kein Desktop-Applet (zumindest habe ich in der Standartinstallation keins gesehen), welches die Benutzer auf erhältliche Updates hinweist. Die Handhabung von Synaptic für Updates dürfte somit wieder die Anfänger etwas überfordern.

Tools & Programme

Ein grosser Minuspunkt aus Einsteigersicht ist der Verzicht auf viele Softwarepakete, die in den meisten anderen Distributionen standarmäßig mit dabei sind. Beispiel Openoffice: Es lässt sich zwar mittels Desktop-Button, der ein Skript startet, installieren inkl. Sprachen, aber wer will das schon? Man wartet dann länger, als man es sich bei der Betriebssystem-Installation durch den eigentlichen Verzicht eingespart hat. Auch bei der nachträglichen Sprachinstallation (die schon bei früheren Releases gewisse Probleme bereitete) hat die Umsetzung einer guten Intention das Ergebnis verschlechtert:

Die erste Distribution, die einen bei einem Sprachwechsel mit unnötigen Dialogen zumüllt

Nach der Sprachinstallation kommt regelmäßig diese Meldung (Bug?). Die Umbenennung von Standardordnern ist meiner Meinung nach die Sache des Benutzers, auch wenn dieser die Sprache geändert hat.

Multimedia

Die meisten Codecs und Plugins (MP3, Flash, Java) sind mit dabei, dadurch bleibt den Einsteigern das Nachinstallieren erspart.

Desktopeffekte / 3D-Desktop / Leistung

- Warum kein CONFIG_LATENCYTOP, wenn man doch schon für bfs Kernel hat? So gibt es keine Möglichkeit z.B. mit Fedora-Kerneln zu vergleichen (wo Latencytop im übrigen funktioniert). Bei Spielen mit 3D (OpenGL) fielen mir Leistungseinbrüche auf, die ich vorerst dem Brain Fuck Scheduler zuschreibe, was ich aber mangels oben erwähnten Kernelnoptionen nicht einfach beweisen kann.

Fazit

Wie man in den Phoronix-Benchmarks sehen kann, ist PCLinuxOS tatsächlich schneller in gewissen Tests. In anderen wiederum langsamer. Dieses durchzogene Bild kann ich nach einer Testwoche bestätigen, es dürfte meines erachtens hauptsächlich am verwendeten BrainFuck-Scheduler liegen, der noch als experimentell anzusehen ist. Ohnehin fraglich was der BfS in einer Userfokussierten Distribution zu suchen hat. PCLinuxOS hat viel an Attraktivität für Einsteiger verloren, es ist an vielen Stellen weniger intuitiv geworden als seine Mitbewerber. Auch wenn sich sonst nicht wirklich viel verändert hat am Gesamtbild von PCLinuxOS, so haben doch die meisten anderen Distributionen den Vorsprung wettgemacht oder sogar überholt. Durch einige “Verschlimmbesserungen” von PCLinuxOS verstärkt sich dieser Effekt noch. Was vor 3 Jahren noch speziell benutzerfreundlich war, ist heute quasi Standard. Insofern muss sich PCLinuxOS mehr einfallen lassen als den BFS, um sich von den anderen Distros abzuheben. Auch hat die fehlende Standardsoftware und die unlogische Konfiguration Abzug verstärkt . 4 Pinguine sind absolut gerecht, mehr liegt einfach nicht drin. Wirklich schade, aber positiv gesehen kann man sagen: Es gibt wieder viel Steigerungspotential!

Pro:

Kontra:

  • KDE 4.2 mit guter Auswahl an Plasmoiden
  • Delta-RPM’s und automatische Codec- und Sotfware-Installation
  • Äusserst gelungene Konfigurationswerkzeuge auch für komplexere Einsatzgebiete
  • Msec-Sicherheitsframework überraschend einfach aber auch flexibel, ideal für neugierige Einsteiger
  • Installationsroutine mit Fehlern (Bootloader-Konfiguration erkannte Windows XP nicht)
  • Sehr konservativer Stil von KDE 4
  • Doppelklick (lasst unsere armen Armsehnen endlich in Frieden!)
  • Nervige Buttons auf dem Desktop
  • Nervige Dialoge bei der Sprachinstallation / Sprachwechsel

Bewertung

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Comments
  • Benji 10. Juli 2010 at 8:49

    lese deine ‘Artikel’ sehr gerne. Wann kommt mal ein BSD test?
    Liebe Grüsse,

    Benji

  • Texstar 6. August 2010 at 19:06

    /boot/config-2.6.33.5-pclos1.bfs

    CONFIG_LATENCYTOP=y

    • Chris 7. August 2010 at 16:15

      Thanks for the info, I’ll try that, curious about bfs me is ;-)

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