Eigentlich wollte ich ja keine der drei großen Distributionen testen, da es für diese schon genügend gute und tiefgründige Reviews gibt. Aber der KDE4-Remix von Kubuntu 8.04 “Hardy Heron” reizte mich dann doch zu sehr. Schließlich hat KDE4 seit Januar auch wieder erhebliche Fortschritte gemacht und dies wäre die erste große Distribution, welche (wenn auch nur als Remix) ein pfannenfertiges KDE4 mitliefert.
Der Review wird sich daher eher auf KDE4 und dessen Status resp. Integration in Kubuntu als auf die Distribution selbst fokussieren, da es bereits genügend andere Reviews gibt und geben wird, welche die Distribution tiefgründiger und professioneller betrachten.
Herkunft / Ursprung
Ubuntu und dessen Geschwister Kubuntu, Xubuntu, Edubuntu haben ein Debian 4 als Basis und werden von der Firma Canonical und einer großen Community weiterentwickelt. Canonical wurde vom Milliardär Mark Shuttleworth gegründet bietet einen kommerziellen Support für Desktop- und Serverversionen an, mit dem irgendwann auch mal Gewinn gemacht werden soll.
Wichtigste Daten in Kürze:
- Homepage: http://www.kubuntu.org
- Größe als ISO-Image:
- LiveCD Funktion: Ja
- Sprachen: Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch
- Abgeleitet von: Debian
- Kernel: 2.6.24
- Package-Management: Apt-get mit Debian Paketen (dpkg)
- Release-Zyklus: halbjährlich
- Standarddesktop: Je nach Geschmacksrichtung (Gnome, KDE, XFCE), kann aber später auch jederzeit gewechselt werden
- 3D-Desktop / Desktopeffekte: Teilweise integriert in KDE4-Windowmanager (kwin) mit Compositing oder Compiz-Fusion basierend auf AIGLX oder XGL
- Kosten für Updates und Support: Keine (Wiki, Foren)
- Lizenz: Größtenteils GPL V.2, proprietäre Software und binäre Treiber sind in der Grundinstallation vorhanden
Besonderheiten dieser Version
- Die Einbindung von KDE4 ist natürlich die wichtigste Besonderheit dieser Version mit Betonung der Distributionshersteller, dass es sich um eine Remix-Version mit Beta-Status handelt.
Erster Eindruck vom Desktop
Der Standarddesktop hat sich seit dem Frühjahr nicht groß geändert. Leider wurde auch dasselbe Hintergrundbild verwendet. Ich schaue neidisch auf den Ubuntu-Desktop und wünsche mir, dass ein ähnliche künstlerisches Hintergrundbild bald den Weg in die KDE-Versionen findet.
Hat man einmal die zusätzlichen Plasmoiden installiert, machen diese wider erwarten sogar Spass (solange sie nicht auf allen virtuellen Desktops rumhängen), vor allem die täglichen Userfriendly Comis sind praktisch. Auch die von Vista bekannte Diaschau ist dabei und vieles mehr:
Installation
An der Installation hat sich praktisch nichts geändert zur Version 7.10, sie geht sehr schnell und einfach vonstatten. Im Schnitt hatte ich das System nach 15 Minuten vollständig installiert.
Konfiguration
Hier wird augenfällig, dass noch nicht viel Integrationsarbeit in das Kubuntu-KDE4 Projekt gesteckt werden konnte: Es gibt noch keine Konfigurationswerkzeuge für Systemkonfigurationen ausserhalb des Standard-KDE-Kontrollzentrums. Das Netzwerk wird wie bei den meisten großen Distributionen heutzutage mit dem NetworkManager konfiguriert. Das läßt mich wieder mit einem Notebook zurück, welches erst nach dem Start des Windowmanagers ein Netzwerk zur Verfügung hat, was NFS-Heimatverzeichnisse ausschliesst. Da bleibt wieder mal nur das manuelle Editieren von /etc/network/interfaces übrig.
Package-Management & Software
Auch hier nichts Neues. Mit apt-get und den dazugehörigen grafischen Interfaces (z.B. Aptitude) können neue Programme und deren Abhängigkeiten einfach installiert werden und Updates von bereits installierten Paketen schnell durchgeführt werden.
Tools & Programme
Das neue KDE-Menue gefiel mir auf Anhieb. Ganz einfach lassen sich Favoriten mit der rechten Maustaste definieren. Die Suchfunktion und History funktionieren tadellos. Es hat jedoch noch gewisse Fehler in der Bedienung: Intuitiv erwarten die meisten Benutzer zu Beispiel, dass es reicht mit der Maus auf einen Pfeil zu fahren, damit das darunterleigende Menü geöffnet wird, leider muss man aber immer noch einen Mausklick dafür verschwenden.
Grundsätzlich fällt einem alten KDE-Hasen sofort auf, dass erst sehr wenige Programme vorhanden sind. Irgendwie gefällt mir das jedoch großen Gefallen daran. Natürlich fehlen noch einige grundsätzliche Programme. Aber so übersichtlich war die Auswahl bei KDE vermutlich noch nie. Bitte nicht viel mehr Applikationen liebe Entwickler! Es genügt vollauf EIN guter Multimediaplayer (am besten mit Codecs vorinstalliert, zumindest in Europa). Weitere zu installieren sollte dem Benutzer freigestellt sein.
Nettes Feature nebenbei; Die Anzeige des Füllgrades der Disks im Menü:
Okular der universelle Dateibetrachter, der als Ersatz für die vielen Vorgänger dienen soll, funktioniert soweit bestens. Mit ihm lassen sich PDF und Fotos als Diaschau resp. im Fullscreen-Modus ansprechend präsentieren und lesen.
Auch Gwenview wurde ebenfalls schon für die 4er Version aufgemotzt und hat nun einen sehr passblen Diaschau-Modus dabei.
Dolphin als neuer Dateimanager überzeugt mich mit zunehmender Gebrauchsdauer immer mehr. Er ist einfach und klein gehalten und hat trotzdem einiges an “eye-candy” zu bieten. Dieser ist aber nicht hindernd sondern trägt eher zu einem angenehmen Navigationsgefühl bei. Z.B. ist beim Navigieren mit der Maus über verschiedene Dateien der Markierungs-Übergang weich aber auch schnell genug, um nie zu nerven. Ausserdem sind die frei zoomenden Icons der linken Spalte in meinen Augen nett und sinnvoll, aber wie immer entscheidet hier jeder Anwender selbst und es ist natürlich auf Wunsch alles konfigurier- resp. abschaltbar.
Konqueror besteht mittlerweile den Acid2-Test, nur leider zeigt er dafür andere Macken (CSS-Aufbau ist langsam, Foto-Upload bei Flickr funktioniert nicht)
Der auf der neuen Hardware-Abstraktionsschicht “Solid” (das meines Wissens seinerseits HAL benutzt) beruhende Device Notifier funktioniert bis jetzt ebenfalls einwandfrei. Im Moment öffnet er alle unsere Geräte (USB-Sticks, Kamera, iPod) mit Dolphin, ich kann noch nicht sagen, ob sich dies mit Installation z.B. von amarok ändert, zumindest für die MP3-Player. Wünschenswert wäre auf jedenfall eine Auswahl an Applikationen, mit denen sich das USB-Gerät öffnen lässt.
Multimedia
Leider konnte ich den Dragonplayer nicht dazu bewegen, irgendwelche Windows-Formate abzuspielen. Auch die Installation von verschiedensten Codecs half hier nichts.
3D-Desktop
Diesen Teil zu testen macht mir immer am meisten Spaß. Bei jeder Distribution frage ich mich, ob die Entwickler immer noch eher auf beeindruckende aber am Ende doch sinnlose Supereffekte setzen, oder ob nun nach der Machbarkeitswelle endlich die Brauchbarkeit im Vordergrund steht (wie dies z.B. bei Metisse versucht wird). Da die meiste Hardware nun den Würfel problemlos drehen kann ohne großen Performanceverlust, sollte meiner Meinung nach der Fokus auf die Brauchbarkeit gelegt werden. OSX endlich das Fürchten zu lehren (bei Vista erübrigt sich das ja schon seit Jahren).
Die Desktopeffekte sind zu anfangs nicht aktiv. Sie zu aktivieren geht sehr einfach mit einem mitgelieferten Tool, welches automatisch die entsprechenden Grafikkartentreiber installiert und aktiviert.
Danach ist KWin tatsächlich vorerst sparsam mit Effekten. Nur die Transparenz beim Verschieben der Fenster sowie die Fensterauslegung (alle offenen Programme werden übersichtlich temporär nebeneinander platziert) und die Desktopauswahl (ähnlich Mac OSX) sind aktiv. Weiter meist relativ nützliche Effekte sind im enstprechenden Untermenü “Arbeitsfläche -> Arbeitsflächen-Effekte -> Alle Effekte” vom KDE-Kontrollzentrum aktivierbar. Hier gilt einfach: Ausprobieren und Auswählen, welche Effekte für den Benutzer persönlich nützlich sind. Aber auch hier gibt es noch erhebliches Verbesserungspotential:
- Kleine Vorschaubilder der Effekte würden sicherlich deren Auswahl erleichtern.
- Die Tastaturkombinationen von verschiedenen Effekten sind dieselben (z.B. Zoom, Lupe, Bereichsvergrößerung), welche gewinnt also, wenn mehrere gewählt sind?
- Es lassen sich keine Maustasten zur Steuerung der Effekte auswählen
- Die meisten Effekte lassen sich mittels der jeweiligen Tastenkombination starten (z.B. Exposé), aber beenden lassen sie sich nur, indem man mit der Maus auf ein bestimmtes Fenster klickt. Hier erwartet praktisch jeder Benutzer, dass ein nochmaliges Drücken der Tastenkombination den Effekt wieder verschwinden lässt.
Immerhin stürzte KDE in der ganzen Zeit nie ab. Nur einmal gab’s nach dem Beenden von KDE eine der üblichen KDE-Fehlermeldungen. Und leider auch das bekannte Iconproblem bei aktivierten Effekten tritt auf (Iconsvonaktiven Programmen werden anstatt in der Systemleiste links oben auf dem Desktop angezeigt).
So werden die Desktopeffekte konfiguriert:
Ein Modus, um sich auf Eingabefenster zu konzentrieren:
Energiemanagement
Gerade eben fiel mir auf, dass der Lüfter meines Dell-Notebooks kurz ungewöhnlich laut lief (für Linuxverhältnisse). Ein Blick auf powertop bestätigt: kwin (vermutlich zusammen mit dem nvidia-Treiber) und knotify4 erzeugen ungewöhnlich viele Interrupts. KDE4 braucht zur Zeit zirka 10% mehr Strom als mein Fedora mit ebenfalls eingeschalteten 3D-Effekten (35 Watt anstatt 32 Watt). Allerdings könnte die Abweichung auch andere Ursachen haben und ich interpretiere hier zu viel hinein. Es muss sich ohnehin noch zeigen, wie sich das System unter Hochlast verhält.
Da kpowersave noch nicht portiert wurde, steht uns erst eine einfache Batterieanzeige zur Verfügung. Es gibt noch keine Möglichkeit, das Energieschema für die verschiedenen Notebook-Betriebsarten einzustellen.
Fazit
Je länger ich es benutze desto mehr bin ich überzeugt, dass KDE4 für mich künftig der Desktop der Wahl sein wird. Allerdings sollten die meisten Benutzer damit noch mindestens bis zur Version 4.1 warten, denn es fehlen immer noch viele Programme und wichtige Features. Falls nun aber beispielsweise Fedora 9 mit KDE4 als Option ausgeliefert wird, werden meine Desktops bestimmt damit ausgestattet. Denn alles in allem erfüllt KDE4 die für mich allerwichtigste Anforderung an eine Desktopumgebung, die bisher nicht mal OSX erfüllt hat: Es fühlt sich richtig gut an in der Bedienung. Wenn dieser Ansatz konsequent weiterverfolgt wird und auch für alle weiteren portierten Programme gilt, können die KDE-Entwickler wahrlich stolz auf ihre Arbeit sein.
Pro: |
Kontra: |
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Bewertung

Die Wertung muss in Zusammenhang mit KDE 4 interpretiert werden. Für sich alleine genommen hätte (K/X)Ubuntu 4-5 Pinguine verdient. 4 Pinguine sind hier jedoch schon sehr großzügig und spiegeln meine Hoffnung auf das 4.1 Release wider, wo ich den Feinschliff und die fehlenden Features sehnlichst erwarte.

Ich kann mich Deiner Bewertung in jedem Punkt anschliessen. Danke für den guten Bericht.