Vielleicht ist mit dem neuen Chefredaktor Andres Büchi ein neuer Stil im Beobachter eingekehrt? Das dachte ich mir, als ich den AHV-Artikel der Ausgabe 23/08 gelesen habe.
Auf mein Leser-eMail, in welchem ich mich über die Gründe dieser meines erachtens propagandistischen Schrift wunderte, habe ich überraschend eine Reaktion vom Chefredaktor persönlich erhalten (Vielleicht hat er Textbausteine verwendet, aber zumindest teilweise geht seine Antwort direkt auf mein Mail ein):
Sehr geehrter Herr Kälin
Danke für Ihre kritischen Anmerkungen. Aber es geht uns nicht um Abstimmungspropaganda. Überhaupt nicht.
Vielmehr hätten auch wir gerne positivere Zahlen veröffentlicht, aber leider sind die nicht realistisch. Auch wir würden die Leute gerne früher in die wohlverdiente Rente entlassen, aber es hilft wenig, wenn wir einen Artikel darüber schreiben, was wir uns wünschen würden, wenn es nicht realisierbar ist. Es ist wie mit der Finanzkrise oder der Klimaänderung: Die Fakten sprechen eine unangenehme Sprache. Wir müssen das nicht gutheissen, aber wir müssen akzeptieren, dass hier Probleme auf uns zu kommen, die echte Lösungen brauchen.Nicht weniger als drei Journalisten haben zum Thema recherchiert – ohne jeden Vorbehalt. Die Ergebnisse sind leider eindeutig. Der Beobachter hätte es sich leichter machen können, wenn wir einfach – wie viele andere – die optimistischen Szenarien nachbeten würden. Wie Sie als Beobachter-Leser jedoch wissen, fühlen wir uns verpflichtet, uns für eine lebenswerte Umwelt, eine faire und gerechte Schweiz einzusetzen und entsprechend zu informieren, über das, was nach all unseren Recherchen und unserem Wissen der Wahrheit entspricht – auch wenn es unangehm ist. Denn das höchste Ziel muss es sein, auch für unsere Nachwelt eine lebenswerte und finanziell gut aufgestellte Schweiz zu hinterlassen, das sind wir unseren Nachkommen schuldig.
Aus diesen Gründen kamen wir zum Schluss, dass bei der AHV keine Schönwetterpolitik mehr gemacht werden darf, die durch keine Zahlen zu rechtfertigen ist, sondern bloss auf Hoffnungen beruht oder optimistischen Szenarien. Die AHV wird leider auf Grund der Finanzkrise sogar noch weit tiefer ins Schlamassle rutschen, als befürchtet. Wir sind der Ansicht, dass jede vernünftige Politik von den drohenden Worst case Szenarien ausgehen muss. Läuft die Entwicklung dann besser, als das hat erwartet werden können, sind die Renten schnell wieder erhöht oder das AHV-Alter gesenkt. Alles andere jedoch wäre ein Verrat am Generationenvertrag.
Wir alle werden uns auf härtere Zeiten und ein generell längeres Arbeiten einstellen müssen. Das heisst nicht, dass das für alle zumutbar ist. Die Ausnahmen muss die Politik formulieren. Aber schon bald werden uns – wegen der Alterspyramide – auch wieder Arbeitnehmer fehlen. Alle, die gesund sind, und eine Stelle finden oder noch haben, werden deshalb nicht darum herumkommen, länger zu arbeiten als heute, ganz einfach, weil das System sonst nicht mehr finanzierbar sein wird. Das hat nichts zu tun mit politischer Gesinnung und schon gar nicht mit einem politisch gefärbten Journalismus. Wir müssen ganz einfach möglichst nahe an die auf Grund der Daten plausibel erscheinende Wahrheit heran in der Berichterstattung.
Fakt ist: Der pauschale Rentenanspruch für immer mehr Leute für eine immer längere Zeit bei immer älter werdender Bevölkerung, ist nicht länger finanzierbar wie bisher, ob uns das passt oder nicht. Auch bei der aktuellen Finanzkrise wollte man die warnenden Stimmen leider nicht hören, bis es zu spät war. Diesen Vorwurf sollen uns nachfolgende Generationen nicht machen dürfen.Ich danke für Ihr Verständnis und grüsse Sie freundlichst.
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Andres Büchi
ChefredaktorAxel Springer Schweiz AG
Beobachter
Förrlibuckstr. 70
CH-8021 Zürich
Ich schreibe mein Antwort hier direkt: Herr Büchi ist der Ansicht, dass “jede vernünftige Politik von den drohenden Worst case Szenarien ausgehen muss”. Das sehe ich nicht so. Auch in der Realpolitik kann Optimismus und Idealismus doch nie fehl am Platze sein, denn sonst läuft man Gefahr, schnell einmal zynisch zu sein.
Und “Läuft die Entwicklung dann besser, als das hat erwartet werden können, sind die Renten schnell wieder erhöht oder das AHV-Alter gesenkt.” Ich meine dazu: Warum wagen wir nicht einmal den Schritt? Auch wenn er sogar doppelt soviel kosten würde, beduetet dies noch nicht mal ein Lohnprozent an Mehrkosten für die Arbeitnehmer. Und auch auf die Gefahr hin, selbst populistisch zu sein, glaube ich, wenn die AHV dann wirklich am Abgrund stehen sollte, darf sie doch noch viel mehr als eine durch Selbstverschulden gegroundete UBS oder Swissair auf ein grosszügiges Rettungspaket vom Staate hoffen! Sorry, aber es sind wirklich alle Argumente der Initiativ-Gegner hinfällig geworden mit den unglaublich grossen Zahlen, die in den Medien herumgeistern im Zusammenhang mit der Finanzkrise. Es ist uns einfachen Bürgern wirklich vollkommen egal, ob dies Äpfel und Birnen sind, die hier verglichen werden.
Herr Büchi redet weiter von einem “Verrat am Generationenvertrag”. Das ist gelinde gesagt populistisch. Niemand geht auf die Barrikaden, auch wenn er bis zu einem Prozent mehr AHV-Beiträge zahlen müsste (zurzeit ist gar die Rede von lediglich 0,4%) und kündigt allen alten Menschen die Freundschaft. Immer wieder ist auch die Rede von fitten und arbeitswütigen Rentnern, die arbeiten wollen. Das dürfen die ja auch! Keiner ist gezwungen, sich mit 62 pensionieren zu lassen. Ich persönlich gönne jedem ausgelaugten und abgekämpften Arbeiter einen früheren Ruhestand. Wenn gutverdienende und gesunde ältere Arbeitnehmer bis 70 weiterarbeiten wollen, weil ihnen die Arbeit Spass macht, dann gönne ich ihnen das genauso. Man muss einfach akzeptieren, dass es von beiden genug gibt, um die Flexibilisierung nach unten zu ermöglichen. Die nach oben ist ohnehin mit Hilfe der Unternehmen schon möglich (Beispiel ABB).