Automatisierte Server-infrastruktur mit Puppet in der KMU: Lohnt sich das?

Posted by Chris on September 08, 2011

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Puppet ist seit Jahren im Aufwind und entwickelt sich zum Nonplusultra im professionellen Konfigurationsmanagement. Es ist schon längst nicht mehr nur die “Alternative zu cfengine” die es anfangs noch war. Die Liste der Firmen, die seit längerem und im grossen bis sehr grossen Umfang (bis zehntausende von Servern oder Instanzen) auf Puppet setzen ist beeindruckend, darunter finden sich unter anderem Google, Twitter, Red Hat, Sun, Citrix, match.com, Rackspace etc. Wegen der ausgezeichneten Reputation von Puppet und der möglichen Vollautomatisierung (ein heiliger Gral von Systemadministratoren, leider wird dies manchmal eher als Bedrohung ihres Jobs wahrgenommen) entschieden wir uns für eine Evaluation dieser Software. Der Preis für die Flexibilität und die überragende Mächtigkeit dieses Instruments ist allerdings am Anfang ziemlich hoch: Nicht wegen dem Kaufpreis, es handelt sich ja um Opensource, aber die Lernkurve ist am Anfang wirklich sehr steil. So steil, dass ich mich die erste Woche mehr als einmal gefragt habe: Sollen wir wirklich? Lohnt sich das überhaupt für unsere 20 Linux-Server? Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass die Einstiegshürde so hoch ist, damit wird sichergestellt, dass sich nur eingehend damit beschäftigt, wer genau weiss, was er tut (das ist auch bei Linux-Administratoren nicht automatisch der Fall ;-) und was genau mit dem Werkzeug erreicht werden soll.

Nach zwei Wochen intensiven Lernens (Meistens “Learning by doing”, denn praktisch alle  Puppet-Bücher sind nicht wirklich brauchbar) ist die Antwort Ja. Ja, und es würde sich sogar nur mit 10 Servern bereits lohnen. Denn nach dem hohen Lernaufwand am Anfang wird das Erstellen von neuen Modulen und Konfigurationen immer einfacher und schneller. Es macht Spass, ein derartig mächtiges Werkzeug immer besser zu beherrschen. Zudem gibt es eine Unmenge von vorgefertigten Modulen auf den entsprechenden Internetseiten zu finden. Und nicht zuletzt lernt man sehr viel über deklarative Sprachen und wenn man will, kann man zugleich noch etwas Ruby Programmieren lernen, je nachdem wie tief man in die Materie eintauchen möchte.

Einen anständigen Workflow vorausgesetzt kommt man unter Umständen auch intensiv mit Git in Kontakt, was einem den zukünftigen Umgang mit diesem ebenfalls sehr mächtigen Versionierungswerkzeug in anderen Projekten sehr einfach macht (Projektleiter, ob kommerziell oder Opensource sind froh, wenn sie nicht erst einen Kurs in “Git basics” geben müssen). Als kleiner Bonus wird durch den Workflow auch ein Produktionsrelease-Zyklus eingaführt mit Test und Live-Szenarien, ohne die sonst üblichen Probleme eines Paradigmen- oder Prozesswechsels (Akzeptanz u.ä.), denn die ersten Früchte der Arbeit werden sehr schnell auch individuell spürbar. Für vorsichtigere Naturen lohnt sich bestimmt ein Blick auf die Enterprise-Version, mit der die Installation vollautomatisch auf Klick funktioniert und für die man auch offiziellen Support bekommt.

Warum scheuen dennoch viele Administratoren den Weg in die Vollautomatisierung? Bei einigen herrscht wohl noch die altbekannte Angst vor dem Überflüssigwerden des Administrators vor. Dies lässt sich in der Welt der proprietären Betriebssysteme und Software (aber nicht nur dort) sehr häufig beobachten, wo selbst einfachste, repetierbare Aufgaben teilweise Stunden benötigen. Mein Argument gegen diese Angst ist, dass wir unseren Job nicht machen, um langweilige, wiederholende und im Prinzip immergleiche Arbeiten zu machen. Dazu kann man auch Roboter (sprich: Puppet) nehmen! Als Systemadministrator / Entwickler etc. hat man genug zu tun, kreative und nachhaltige Lösungen für nicht-alltägliche Probleme zu finden. Diese Arbeit ist essentiell das, was uns  implizit motiviert! Typische Situation: Die ersten 10 Apache-Installationen macht man noch gerne, weil man lernt und das Ergebnis sehen kann. Danach merkt man schnell, dass es immer dasselbe ist. Warum also nicht automatisieren? Jeder Systemadministrator den ich kenne, hat eine Liste mit 100+ interessanteren Problemen und Ideen, welche ihrer Firma einen echten Mehrwert bieten würden, wenn man denn neben den alltäglichen Aufgaben Zeit für sie fände. Deshalb ist Automatisierung keine Bedrohung sondern eine Befreiung! Sobald man mit vielen Servern zu tun hat, muss man sich ohnehin überlegen, wie man diese effizient und nachvollziehbar gleich aufsetzen und administrieren will, daher ist in grösseren Firmen diese Form der Automatisierung schon eher ein Sachzwang, will man motivierte und kreative anstatt genervte Administatoren.

Im Gegensatz zu cfengine besteht derzeit leider noch keine offizielle Windows-Unterstützung. Es sind jedoch Entwicklungen im Gange, dass bald die wichtigsten Ressourcen durch einen Windows-Agent realisiert werden können.

In diesem Sinne gelte das alte Administratoren-Credo: Wenn eine Arbeit automatisch erledigt werden kann, soll man keinen Menschen damit belästigen. Denn Menschen haben Interessanteres zu tun.

[1] http://cfengine.com/
[2] http://projects.puppetlabs.com/projects/puppet/wiki/Whos_Using_Puppet
[3] http://forge.puppetlabs.com/
[4] http://puppetlabs.com/puppet/puppet-enterprise/
[4] http://projects.puppetlabs.com/projects/puppet/wiki/Puppet_Windows