Nachdem die Vorzeichen es schon erahnen liessen, bestätigten die meisten Kritiken dann auch die Befürchtungen: Der erste Schweizer Tatort seit 9 Jahren ist Müll. Ich möchte gar nicht auf die Details eingehen (Verschiebung wegen schlechter Qualität / zu vielen Klischees, Gastschauspielerin mit Silikonhügeln ist bei Scientology und motzt hintenrum über die Dauer des Drehs usw.) Viel interessanter ist doch die Beantwortung der Frage, die man sich stellte, als man vor dem Fernseher dieses Trauerspiel mitansah: Wie kommt sowas überhaupt auf den Schirm? Gibt es keine Testvorführungen oder Qualitätskontrollen? Wenn man sich die Interviews mit den Beteiligten und die Artikel so anschaut, läuft es auf die übliche Problematik hinaus: Nicht kommunizierte Erwartungen. Was heute in jedem Projekt als Grundwissen vorhanden ist, fehlte: Stelle am Anfang klar, was der Auftraggeber wünscht und kommuniziere auch im Laufe des Projekts immer weiter mit ihm, um nötige Anpassungen rechtzeitig machen zu können.
Offenbar erwartete der Auftraggeber (ARD und co.), dass Schweizer _nicht_ sauber Hochdeutsch sprechen sollen. Die meisten Schauspieler kommen aus dem Theaterbereich und sind es sich gewöhnt, einen Goethe in klarsten Hochdeutsch zu präsentieren. Sie nach dem Dreh zu zwingen, die Synchronisation von Hochdeutsch auf unser “dümmliches Gekrächze” (Zitat eines deutschen Kommentators im Tagesanzeiger) umzustellen, tat bestimmt weh, und das merkt man auch. Man realisiert es nicht direkt, aber der ganze Film kam dadurch noch viel behäbiger und schwerfälliger rüber.
Dem gegenüber standen ebenfalls nicht kommunizierte Erwartungen der Macher und des Regisseurs, wie auch der Silikonzicke Schauspielerin Sofia Milos, die monierte, dass eine CSI-Folge in 9 Tagen gedreht sei, während der Tatort 5 Wochen in Anspruch genommen hätte (da darf sich jetzt jeder das Seinige dazu denken).

Einige Schweizer waren (siehe Leserkommentare im Tagi) etwas erschrocken, dass unser Land in letzter Zeit nicht mehr mit den sonst üblichen Samthandschuhen angefasst wird von ausländischen Medien, wähnen sich gar als Opfer einer weltweiten Verschwörung. Ich denke mal, daran sollten wir uns langsam gewöhnen, denn nach den letzten 10 Jahren ist für uns die Schonfrist definitiv abgelaufen. Ich befürchte fast, dass man (um am Schluss noch wirschaftspolitisch zu werden) eine Parallele zur Schweizer Wirtschaft ziehen kann: Angestachelt von riesigen Bankgewinnen und gutem Image überschätzen wir uns und unsere Fähigkeiten in letzter Zeit zu häufig, dasselbe scheint auch den Filmemachern passiert zu sein. Das Ausland blieb indes nicht stehen, sondern hat heute ebenfalls höchste Qualitätsansprüche.
Was lernen wir daraus? Eigentlich nichts, ausser, dass man vor allem am Anfang von Projekten immer gut mit dem Auftraggeber kommunizieren sollten, um dessen Ansprüche und Erwartungen wirklich zu verstehen. Ansonsten ist später Ärger auf beiden Seiten vorprogrammiert.
[1] http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/fernsehen/Deutsche-Presse-verreisst-Schweizer-Tatort/story/20270242 [2] http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/fernsehen/TVKritik-Botox-und-Berge/story/15718206