Der neue Kolonialismus hält schon seit vielen Jahren Einzug in Afrika. Die Akteure? Keine Staaten diesmal, meist multinationale Grosskonzerne, Investmentgruppen uvm. Was passiert? Man kauft Ackerland. Es gibt sogar schon einen anglifizierten Ausdruck dafür: “Land grabbing”. Wozu? Je nachdem, die einen wollen Ethanol aus Zuckerrohr herstellen (beispielsweise die Genfer Addax Bioenergy), die anderen ihre eigenen Binnenmärkte mit Nahrungsmitteln und vor allem Mineralöl beliefern (China). Lustige Nebeneffekte: Da die Kleinbauern nun kein Ackerland für Maniok und andere Grundnahrungsmittel haben, verschärft sich die Lage der Nahrungsmittelversorgung zunehmend und die Konzerne müssen für Milliardenbeträge Nahrungsmittel importieren(!). Dies kommt der Agrarlobby der EU natürlich auch entgegen, um endlich mal die Produkte der eigenen Bauern absetzen zu können. Die Perversion erreicht neue Höhen, wenn wir für unsere sauberen Hybriden nun Nahrungsmittel verbrennen von Ackerflächen, die erstmal für die Menschen der Region die Versorgung sicherstellen sollten. Wir sind hier leider nicht mehr sehr weit entfernt von meinem alten Spruch: “Wenn Menschenblut Autos antreiben würde, dann gute Nacht Afrika.” Derzeit sind eigentlich die chinesischen Investitionen in Ölförderungen als positiver zu bewerten, als entsprechende Bestrebungen, Bioethanol herzustellen auf Kosten der normalen Nahrungsversorgung. Die Europäer und Amerikaner sind ihrerseits mit Ölfirmen in Afrika weniger ethisch vorgegangen (siehe die Geschichte von Ken Saro-Wiwa). Vielleicht sollte man den Chinesen das Feld überlassen, denn sie schaffen es wenigstens, langsame eine Infrastruktur aufzubauen in Ländern, wo unsere Hilfsgelder seit Jahrzenten undurchsichtig und mit wenig Effekt versickern. Soll nicht heissen, dass die Chinesen nicht aus Eigennutz handeln. Vielleicht haben sie einfach aus den Fehlern des Westens gelernt und können nun mit mehr Geld mehr richtig machen.
Was mich persönlic hsauer macht, sind die dümmlichen Ausreden (am Beispiel der Addax-Manager): Man hat ordentliche Verträge gemacht, alles wurde von der Regierung abgesegnet, die Leute bekommen Pacht für ihr Land etc. Natürlich ist dies alles korrekt, aber dennoch muss man schon sehr bescheiden ausgestattet sein im Oberstübchen, wenn man so denkt. Denn jede Person, die auch nur kleinste Spuren eines gesunden Menschenverstandes hat, weiss nach kürzester Recherche, dass die Regierung in Sierra Leone korrupt ist und die meisten Kleinbauern nicht einmal Lesen und Schreiben können. Übervorteilung ist noch das netteste Wort, das einem in den Sinn kommt. Aber: es ist ja alles legal, und besser sie bekommen einen Dollar im Monat für die Pacht als gar nichts.
Wie im Magazin Eco im SFDRS zu sehen war, bemerken die Kleinbauern erst jetzt, wie sie von der eigenen Regierung verschachert und von den Konzernen übervorteilt werden. Das birgt natürlich ein grosses Revolutionspotential. Aber vorerst ist noch die Zeit, in der Regime- und Konzernkritiker mund- oder ganz-tot gemacht werden (wie dies beispielsweise bei Ken Saro-Wiwa getan wurde).
Kann man als westlicher Konzern in Afrika überhaupt ethisch korrekt investieren? Die Antwort lautet schlicht: Nein! Es läuft immer auf Ausbeutung, Enteignung, Übervorteilung von Bauern (die zum grössten Teil Analphabeten sind) und moderne Formen der Sklaverei hinaus. Warum? Das lernen wir alle schon in den BWL-Grundlagen: Die Firmeneigentümer brauchen Rendite. Dies wird erst dann nicht mehr der Fall sein, wenn Infrastrukturen erstellt wurden, demokratische Regierungen eingesetzt sind, die Mehrheit der Bevölkerung Zugang zu Bildung hat und ganz wichtig: die Korruption verschwunden ist. Genau diese hehren Ziele werden aber gezielt unterminiert, um die Kosten weiterhin niedrig zu halten.
Was können wir dagegen tun? Im Moment vor allem eines: Aufklären (nicht zensiertes Internet für alle), Zugang zu Medien unterstützen (One Laptop per child), Ausbildung fördern (Spenden an Schulbauten und Lehrergehältern) und nicht zuletzt: das Gehirn einschalten: Wenn ich einen Hybrid kaufe, der mit Gas oder Ethanol fahren kann, woher kommt dann der Treibstoff? Wenn man sich nur mal kurz vorstellt, dass man 360kg Kartoffeln vernichten muss für eine Tankfüllung à 60 Liter, wird man recht schnell einsichtig. Aber wie gesagt, sehe ich unsere Aufgabe neben dem Konsumverzicht ethisch fragwürdiger Produkte vor allem darin, den Menschen Zugang zu Informationen und damit auch zu Bildung (denn heute kann man relativ einfach ein Mathematikstudium online machen, dank Projekte wie der Khanacademy uva.). Natürlich ist das ein langer Prozess, aber wie man in Nordafrika sieht, lässt dann die Demokratisierung nicht lange auf sich warten, denn die Menschen haben schon sehr lange genug von Korruption, nur felhen ihnen noch die Vorbilder, um von solchen Systemen wegzukommen.
Nachtrag: Die Genfer Firma Addax wurde von einem (natürlich absolut nicht korrupten, unbestechlichen) ordentlichen Gericht von den Vorwürfen freigesprochen.
[1] http://www.addax-oryx.com/uk/index.html[2] http://www.videoportal.sf.tv/video?id=a442b672-f508-4864-b5cb-a9a76fa6a21c
[3] http://en.wikipedia.org/wiki/Land_grabbing
[4] http://en.wikipedia.org/wiki/Ken_Saro-Wiwa [5] http://one.laptop.org/ [6] http://www.alternate-energy.de/projekte/ethanol/ethanol1.html [7] http://www.khanacademy.org/ [8] http://allafrica.com/stories/201106202000.html